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Einstieg ins Barockreiten: Was Anfänger wissen müssen

Das erste Mal auf einem Lusitano zu sitzen und zu spüren, wie ein Pferd auf kaum wahrnehmbare Hilfen reagiert – das ist ein Moment, den viele Reitbegeisterte nie vergessen. Barockreiten fasziniert, weil es mehr ist als ein Reitstil: Es ist eine jahrhundertealte Philosophie des Miteinanders zwischen Mensch und Pferd, die Geduld, Körpergefühl und echtes Verständnis erfordert. Wer mit dem Barockreiten beginnen möchte, stellt sich berechtigterweise viele Fragen – und dieser Leitfaden beantwortet die wichtigsten.

Was ist Barockreiten überhaupt?

Barockreiten ist keine moderne Erfindung, sondern die Fortführung einer langen Tradition. Die Grundlagen gehen auf Reitmeister des 17. und 18. Jahrhunderts zurück – allen voran auf François Robichon de la Guérinière, dessen Werk École de Cavalerie erstmals eine systematische, gewaltfreie Ausbildungsmethode beschrieb. An der Spanischen Hofreitschule in Wien wird diese Tradition bis heute in reinster Form gepflegt.

Der Kerngedanke: Das Pferd wird nicht zum Gehorsam gezwungen, sondern durch logisch aufbauende Lektionen in seiner natürlichen Bewegung und Stärke gefördert. Das Ziel ist die Versammlung – ein Zustand, in dem das Pferd sein Gewicht auf die Hinterhand verlagert, leichter auf der Vorhand wird und sich mit sichtbarer Leichtigkeit trägt.

Welche Voraussetzungen brauche ich?

Reiterfahrung

Eine häufige Annahme ist, dass man völlig unerfahren beginnen kann. Das stimmt zwar grundsätzlich, doch ehrlich gesagt: Wer bereits einen soliden Grundsitz mitbringt und die Grundgangarten sicher reiten kann, wird deutlich schneller Fortschritte machen. Anfänger ohne jede Reiterfahrung müssen zunächst an Sitz und Balance arbeiten, bevor die feinen Hilfen der klassischen Schule überhaupt sinnvoll eingesetzt werden können.

Das bedeutet nicht, dass man erst zehn Jahre Turniererfahrung braucht. Aber ein sicheres, ruhiges Gleichgewicht im Sattel ist die unabdingbare Grundlage.

Mentale Haltung

Wer ungeduldig ist oder schnelle Erfolge erwartet, wird beim Barockreiten frustriert werden. Die klassische Ausbildung misst Zeit in Monaten und Jahren, nicht in Wochen. Jede Lektion baut auf der vorherigen auf – wird eine Stufe übersprungen, zeigt sich das früher oder später als Lücke. Diese Langsamkeit ist kein Fehler des Systems, sondern sein größter Vorzug: Was gründlich gelernt wurde, sitzt.

Die richtigen Pferde: Barockrassen im Überblick

Nicht jedes Pferd eignet sich gleichermaßen für den barocken Stil. Bestimmte Rassen wurden über Jahrhunderte auf Beweglichkeit, Sammlungsvermögen und enge Zusammenarbeit mit dem Menschen gezüchtet. Zu den klassischen Barockpferden zählen:

  • Lusitano – der portugiesische Nationalhengst, bekannt für seine Durchlässigkeit und seinen feinen Charakter
  • PRE (Pura Raza Española) – der spanische Andalusier, seit über 550 Jahren reinrassig gezogen
  • Lipizzaner – das Pferd der Spanischen Hofreitschule, mit tiefer Verbindung zur akademischen Reitkunst
  • Friese – imposant, kooperativ und mit natürlich hoher Aktion

Für den Einstieg ist eine gute Schulpferdeauswahl wichtiger als die Rasse an sich. Ein ruhiges, erfahrenes Schulpferd, das die Lektionen kennt, lehrt den Reiter mehr als ein junges, unausgebildetes Pferd derselben Rasse.

Der Ausbildungsweg: Schritt für Schritt

Die ersten Stunden

Zu Beginn geht es um nichts anderes als den Sitz. Klassisches Reiten verlangt einen aufrechten, tiefen Sitz, der dem Pferd keine Belastung bereitet. Viele Schulen arbeiten anfangs viel auf der Longe – das gibt dem Reiter die Möglichkeit, den Sitz zu festigen, ohne gleichzeitig an den Zügeln arbeiten zu müssen.

Parallel dazu beginnt das Verständnis für die Hintergrundtheorie: Was bedeutet Versammlung? Wie funktioniert die Ausbildungsskala? Warum ist das Vorwärts-Abwärts-Dehnen so wichtig?

Mittelstufe: Lektionen an der Hand und unter dem Sattel

Hat der Reiter eine solide Basis, kommen erste Arbeit an der Hand (Handarbeit oder Arbeit à pied) sowie einfache Seitengänge hinzu. Schulterherein, Travers, Renvers – diese Lektionen schulen die Losgelassenheit und Biegsamkeit des Pferdes und fordern vom Reiter präzise, koordinierte Hilfen.

Hier zeigt sich die Qualität eines guten Ausbilders besonders deutlich. Die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) bietet Richtlinien und zertifizierte Ausbilder – auch für klassisch orientierte Reitweisen.

Fortgeschrittene Lektionen: Hohe Schule

Die Hohe Schule – Piaffe, Passage, Pirouette, Levade – ist das beeindruckende Ziel, das viele mit Barockreiten verbinden. Diese Lektionen sind das Ergebnis jahrelanger Ausbildung und kein Einstiegsziel. Wer sie anstrebt, braucht Geduld, einen hervorragenden Ausbilder und ein entsprechend ausgebildetes Pferd.

Was kostet der Einstieg?

Das ist eine Frage, die selten offen beantwortet wird – dabei ist sie völlig berechtigt.

Reitstunden auf Schulpferden kosten je nach Region und Ausbilder zwischen 35 und 80 Euro pro Einheit. Spezialisierte Schulen für klassisches Barockreiten liegen häufig am oberen Ende dieser Spanne, bieten dafür aber tiefgreifenderes Wissen als allgemeine Reitschulen.

Ausrüstung muss zu Beginn nicht speziell barock sein. Ein guter Grundsattel, der passt, ist wichtiger als ein historisch korrekter Barrocksattel. Wer tiefer einsteigt, kann sich mit der Zeit mit Barockzäumung, Dreieckszügeln oder iberischen Sattelformen beschäftigen. Das ist kein Muss für Anfänger.

Eigenes Pferd – erst wenn man weiß, wohin die Reise geht. Ein gut ausgebildetes Barockpferd ist eine erhebliche Investition; Lusitanos oder PRE-Hengste mit solider Ausbildung kosten schnell fünfstellige Summen.

So findet man die richtige Schule

Nicht jede Schule, die "klassisches Reiten" oder "Barockreiten" auf ihrem Schild stehen hat, arbeitet tatsächlich in diesem Sinne. Einige Kriterien, auf die man achten sollte:

  • Wird die Ausbildungsskala als Grundlage genannt?
  • Wird mit Druck und Bestrafung gearbeitet, oder mit Belohnung und Konsequenz?
  • Darf man zuschauen, bevor man bucht?
  • Spricht der Ausbilder offen über seinen eigenen Ausbildungsweg und seine Referenzen?

Ein erster Besuch ohne Verpflichtung ist immer ein gutes Zeichen für eine seriöse Schule. Wer klassische Reitkunst wirklich lebt, lädt zum Zuschauen ein – denn gute Arbeit spricht für sich.

Lesen und Lernen – die theoretische Grundlage

Wer ernsthaft einsteigen möchte, kommt um etwas Theorie nicht herum. Empfehlenswerte Einstiegslektüre:

  • Waldemar SeunigVon der Koppel bis zur Kapriole
  • Nuno OliveiraBetrachtungen über die Reitkunst
  • François Robichon de la GuérinièreÉcole de Cavalerie (historisches Original, auch auf Deutsch verfügbar)

Diese Werke sind keine trockene Pflichtlektüre. Sie öffnen den Blick dafür, was möglich ist – und warum die Langsamkeit des klassischen Weges keine Schwäche ist, sondern seine größte Stärke.


Der Einstieg ins Barockreiten ist keine Frage von Talent, sondern von Haltung. Wer bereit ist, zuzuhören – dem Ausbilder, dem Pferd, dem eigenen Körper – wird auf einem Weg sein, der mit jedem Jahr reicher wird.