Capriole, Courbette und Co.: Die spektakulärsten Lektionen der Haute École
Wer einmal gesehen hat, wie ein Pferd mit kraftvollem Absprung in die Luft steigt und im höchsten Punkt mit den Hinterbeinen ausstreckt, versteht sofort, warum die Haute École seit Jahrhunderten fasziniert. Diese Lektionen sind keine Showeinlagen – sie sind der Gipfel einer langen, geduldigen Ausbildung und das sichtbare Ergebnis von echter Harmonie zwischen Reiter und Pferd.
Was ist die Haute École?
Die Hohe Schule der Reitkunst umfasst die höchsten Ausbildungsstufen des klassischen Reitens, die weit über Piaffe und Passage hinausgehen. Historisch entwickelte sie sich an den europäischen Fürstenhöfen des 16. und 17. Jahrhunderts – einer Zeit, in der das Pferd als Kriegspartner und Statussymbol zugleich diente. Die sogenannten Schulen über der Erde, also die Sprünge, hatten ursprünglich einen direkten militärischen Hintergrund: Ein treffender Hufschlag in der Luft konnte im Gefecht Leben retten.
Heute sind diese Lektionen das Herzstück des Barockreitens und werden vor allem an Instituten wie der Spanischen Hofreitschule in Wien oder in der klassischen Barockreiterei gepflegt und weitergegeben.
Die Schulen über der Erde
Bevor ein Pferd auch nur in die Nähe der großen Sprünge kommt, muss es die Vorübungen beherrschen. Levade und Pesade bilden die Grundlage: Das Pferd richtet sich auf die Hinterbeine auf, hält den Körper in einem kontrollierten Winkel und balanciert das gesamte Gewicht auf der Hankenbeugung. Das klingt einfacher als es ist – eine saubere Levade verlangt extreme Kraft in Hinterhand und Rücken sowie absolute Ruhe im Pferd.
Croupade und Ballotade – die vergessenen Mittelstücke
Zwischen den Vorübungen und der Capriole stehen zwei Lektionen, die heute kaum noch gezeigt werden: Croupade und Ballotade. Bei der Croupade springt das Pferd mit allen vier Beinen gleichzeitig ab und zieht sie gleichmäßig unter den Bauch – ein kompakter, kraftvoller Sprung ohne Ausstreckung. Die Ballotade geht einen Schritt weiter: Die Hufe zeigen bereits nach hinten, das Pferd deutet die Capriole an, führt sie aber nicht vollständig aus.
Beide Lektionen sind keine bloßen Vorstufen, sondern eigenständige Prüfungen der Versammlung, des Gleichgewichts und des Gehorsams.
Courbette Barockreiten – das Hüpfen auf den Hinterbeinen
Die Courbette ist eine der spektakulärsten und gleichzeitig körperlich anspruchsvollsten Lektionen überhaupt. Das Pferd richtet sich aus der Pesade auf, hebt die Vorderbeine vom Boden und hüpft in dieser aufgerichteten Position mehrfach vorwärts – allein auf den Hinterbeinen. Jeder einzelne Sprung ist eine maximale Muskelleistung, und je mehr Sprünge hintereinander gezeigt werden, desto höher wird die Lektion bewertet.
Was die Courbette im Barockreiten so besonders macht: Sie ist kein Trick, der mit Druck oder Hilfsmitteln erzwungen werden kann. Ein Pferd, das die Voraussetzungen nicht wirklich mitbringt – die Stärke der Hinterhand, die Losgelassenheit, das Vertrauen – wird diese Lektion schlicht nicht zeigen. Lusitanos und Lipizzaner sind bekannt für ihre natürliche Eignung, genau weil ihre Rassemerkmale, kurze Kopplung, ausgeprägte Hinterhand, starkes Fundament, diese Anforderungen von Natur aus erfüllen.
Capriole reiten – der Königssprung
Die Capriole gilt als die Krone der Haute École. Das Pferd springt kraftvoll nach oben, und im höchsten Punkt der Bahn streckt es die Hinterbeine waagerecht nach hinten aus – ein Moment, der den Betrachter buchstäblich den Atem anhalten lässt. Danach landet das Pferd kontrolliert auf allen vier Beinen. Capriole reiten bedeutet, jahrelange Ausbildungsarbeit in einem einzigen Moment sichtbar zu machen.
Die Anforderungen sind enorm: Das Pferd braucht außergewöhnliche Sprungkraft, vollständige Versammlung, ein feines Gehör für die Hilfen des Reiters – und der Reiter braucht ein Sitzgefühl, das durch keinen Sprung aus dem Gleichgewicht gebracht werden darf. Die Kombination aus körperlicher Leistung und innerer Ruhe macht die Capriole so unvergesslich.
Was es wirklich braucht
Die größte Fehlannahme über die Schulen über der Erde ist, dass es sich um akrobatische Kunststücke handelt. Tatsächlich sind sie das Ergebnis einer konsequenten Ausbildung von unten nach oben: ohne saubere Grundgangarten keine Versammlung, ohne Versammlung keine Levade, ohne Levade keine Capriole.
Das gilt für die Ausbildung des Pferdes genauso wie für die des Reiters. Wer Haute École ernstnimmt, akzeptiert, dass dieser Weg Jahre – oft ein ganzes Reiterleben – in Anspruch nimmt. Genau das macht diese Disziplin so wertvoll: Sie duldet keine Abkürzungen.
Welche Pferde eignen sich?
Barockrassen sind für die Haute École prädestiniert. Lusitanos bringen von Natur aus eine hohe Hinterhandtätigkeit und eine Bereitschaft zur Versammlung mit, die andere Rassen oft erst mühsam erarbeiten müssen. Lipizzaner, die Hausrasse der Spanischen Hofreitschule, sind seit Jahrhunderten gezielt auf genau diese Eigenschaften gezüchtet worden. Auch PRE-Hengste (Pura Raza Española) zeigen häufig die nötige körperliche Disposition.
Das bedeutet nicht, dass andere Rassen grundsätzlich ungeeignet sind. Aber Barockpferde bringen die anatomischen Voraussetzungen – starke, tief angesetzte Hinterhand, kurze Kopplung, ausreichend Substanz – von Haus aus mit. Das macht die Ausbildung nicht einfacher, aber das Fundament ist solider.
Die Faszination bleibt
Haute École ist keine Nostalgie und kein museales Relikt. Sie ist eine lebendige Auseinandersetzung mit dem Pferd auf höchstem Niveau, die Respekt, Geduld und echtes Wissen verlangt. Wer Capriole und Courbette nicht nur als Bilder kennenlernt, sondern versteht, welche Ausbildungstiefe dahintersteckt, blickt auf das Barockreiten mit völlig anderen Augen.